2: Zu viele Ideen? Warum Ideen manchmal zur Last werden und welche falschen Vorstellungen dahinter stecken.

Zu viele Ideen haben - Volles Herz voraus Podcast

In dieser Podcast-Folge geht es darum, warum Ideen manchmal zur Last werden können und um die Glaubenssätze, die dafür verantwortlich sind.

In der kreativen Einladung am Ende des Podcasts findest du Übungen, die dir helfen, dich von diesen Glaubenssätzen zu befreien.


Letztens war ich wieder mal bei einem sehr netten Stammtisch mit Kolleg*innen und da kam ein Thema zur Sprache, das ganz oft auf den Tisch kommt, wenn ein paar Kreative zusammen sitzen. Jemand sagte: “Ich hab zu viele Ideen und zu wenig Zeit”. Und die anderen am Tisch riefen gleich: “Genau, so geht’s mir auch” und alle stöhnten und seufzten über den Fluch der vielen Ideen. Selbst kenne ich diesen Gedanken auch sehr gut.

Wie viele Ideen passen in einen Kopf?

Wie viele Ideen passen in einen Kopf?

Dabei ist das doch, wenn man in Ruhe darüber nachdenkt, vollkommen absurd. Warum sollte es etwas Schlechtes sein, zu viele Ideen zu haben? Es ist doch toll, wenn man vor Einfällen nur so sprudelt. Und Ideen sind doch nicht gefährlich. Sie kosten nichts. Sie wiegen auch nichts. Es ist nicht so, dass ein Kopf, der voller Ideen ist, zur Seite hängen würde. Ideen haben auch keine Nebenwirkungen, sie verbrauchen keinen Speicherplatz. Warum also sollten zu viele Ideen ein Problem sein?

Das Problem sind eben nicht die Ideen selbst, sondern das, was wir denken, mit den Ideen machen zu müssen. In unserer Gesellschaft gibt es zwei Vorstellungen, die dazu führen, dass Kreative ihre vielen Ideen als eine Last und als etwas Negatives erfahren.



VORSTELLUNG 1: “DU MUSST DA WAS MIT MACHEN!”

Die erste Vorstellung ist, dass man jede Idee, die man hat, auch ausführen muss. Und wenn man das nicht tut, verschwendet man die Idee. Oder das Produkt, dass da am Ende herauskommen kann. Oder das Geld, das man damit verdienen könnte. Und deshalb ist es oft so, dass wenn man eine Idee äußert, nur mal so, weil man gerade damit spielt, man von anderen zu hören bekommt: “Da musst du was mit machen”. Gerne noch in Verbindung mit: “Wenn du das nicht machst, dann bringt jemand anders das auf den Markt” und “Du musst deine Idee schützen lassen, damit sie nicht geklaut wird”. Und schwupps!, schon ist aus einer Idee und einer Möglichkeit eine Verpflichtung geworden. Eine Last. Und da die meisten Kreativen viele ideen haben, tragen sie irgendwann eine ganze Menge solcher Verpflichten mit sich rum.

Aber der Gedanke, dass man jede Idee auch nutzen muss, ist Quatsch. Denn eine Idee ist kein Samenkorn.

Wenn ich ein Samenkorn von einer Sonnenblume in die Erde stecke, dann kann ich mir ziemlich sicher sein, dass da – wenn ich hin und wieder gieße und jäte – nach einer Weile eine Sonnenblume rauskommen wird. Denn das Samenkorn stammt von einer schon bestehenden Sonnenblume. Es gibt sie schon und durch das Samenkorn wird sie quasi dupliziert.

Aber bei einer Idee ist das ganz anders. Denn eine Idee ist eben nicht das Samenkorn eines schon bestehenden Produkts, Projekts, Blume. Eine kreative Idee bedeutet ja: Wir machen etwas Neues, etwas das es noch nicht gibt. Und deshalb hat man auch keinerlei Garantie, was dabei rauskommt. Oder dass etwas dabei rauskommt. Es ist eben nur eine Idee. Und wenn ich eine Idee nicht nutze, ist das deshalb auch nicht dasselbe wie ein Sonnenblumen-Samenkorn wegzuwerfen. In dem klitzekleine Fünkchen einer Idee ist noch nicht etwas Fertiges angelegt und deshalb ist es auch keine Verschwendung, wenn ich diese Idee nicht nutze.

Der zweite Grund, warum mich eine Idee nicht zur Ausführung verpflichten sollte, ist, dass diese Ausführung unheimlich viel Arbeit ist. Edison hat mal gesagt, die Idee ist nur 1% und der Rest ist Schweiß und harte Arbeit, also 99%. Als Kreative ist es wichtig, sich dieses Verhältnis bewusst zu machen. Wenn ich eine Idee für ein Projekt habe, dann ist das eben nur der erste Schritt eines oft sehr langen Weges. Wenn man mit der Idee schon 90% der Arbeit geschafft hätte, dann könnte man vielleicht sagen: Den größten Teil hab ich jetzt, na gut, dann mache ich den Rest auch noch. Aber so ist es bei Ideen eben nicht. Ich habe mit der Idee nur ein minikleines Fitzelchen des langen Weges geschaftt. Und ob ich den riesigen Rest des Weges gehen will, muss ich mir reiflich überlegen. Dafür brauche ich nämlich ganz viel Motivation. Das muss mir so wichtig sein, dass ich alles andere eine Zeit lang zur Seite stellen und diesen Weg gehen will.

Meine Verantwortung ist eben weniger, jede Idee zu nutzen. Sondern zu überlegen: Wie nutze ich als Kreative meine Zeit. Welche von meinen vielen Ideen sind mir am wichtigsten. Und dann ist es eben oft richtig zu sagen: Die Idee ist zwar klasse, aber sie ist mir nicht so wichtig, dass ich sie jetzt ausführen will. Ich will mich lieber mit den Ideen beschäftigen, die mir besonders am Herzen liegen.




VORSTELLUNG 2: “ARBEITE NICHT AN MEHREREN IDEEN GLEICHZEITIG”

Die zweite Vorstellung, die Ideen zur Last werden lässt, ist, dass wir uns nicht mit mehreren Ideen gleichzeitig beschäftigen sollen. Dieser Gedanke führt bei vielen Kreativen zu großem Stress. Denn wenn ich das Gefühl habe, dass ich wenn ich eine neue Idee bekomme, dafür eine alte abstoßen muss, dann kann mich das natürlich unheimlich blockieren. Dann werde ich gezwungen mich zwischen Ideen zu entscheiden, die mir gleich wichtig sind. Oder bei denen ich noch nicht weiß, was genau ich damit anfangen will. Wie soll ich mich da entscheiden?

An vielen Projekten gleichzeitig arbeiten - erlaubt oder gefährlich?

Es gibt auch keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass Kreative sich immer nur auf eine Sache konzentrieren sollten. Im Gegenteil, es ist oft sogar supersinnvoll, um an mehreren Ideen gleichzeitig zu arbeiten. Und ein Gebiet auf dem das ganz praktisch sichtbar wird, ist in der Malerei. Es gibt beim Malen immer wieder Momente im Arbeitsprozess, wo eine Farbschicht erst trocknen muss. Deshalb arbeiten viele Maler an mehreren Leinwänden und Bildern gleichzeitig. Auf der einen Leinwand bringen sie schon mal die Grundierung an, bei der nächsten machen sie die Skizze oder eine erste Farbschicht.

Doch Pausen und paralleles Arbeiten sind nicht nur wegen aus praktischen Gründen sinnvoll. Auch inhaltlich kann man nämlich manchmal nicht weiterarbeiten. Zum Beispiel, weil Informationen fehlen oder man sich über die nächsten Schritte nicht klar ist. Will ich hier einen Baum zeichnen oder lieber ein Haus? Mache ich in Rottönen weiter oder nehme grün hinzu?

An vielen Projekten gleichzeitig arbeiten - erlaubt oder gefährlich?

An vielen Projekten gleichzeitig arbeiten - erlaubt oder gefährlich?

Ich bin einfach noch nicht so weit und kann darum besser eine Pause machen. Das kann ein Spaziergang sein oder Abwaschen, mal ganz raustreten aus dem Prozess kann auch sinnvoll sein. Aber wenn ich jetzt gerade unheimlich Lust habe, zu malen, warum sollte ich dann nicht an einem neuen Bild anfangen. Oder an dem Bild weiterarbeiten, bei dem ich vor zwei Wochen nicht mehr weiterwusste.

Der kreative Prozess ist eben nicht linear und planbar. Ich kann nicht sagen: Ich mache erst das, dann das und dann das und dann bin ich fertig. Weil ich mit etwas Neuem und Nievorhergemachtem beschäftigt bin, werde immer wieder suchen müssen. Und die Inspiration kommt auch nicht immer gerade dann, wenn ich Zeit habe. Oder wenn Projekt X dran ist. Deshalb kann es im kreativen Prozess immer wieder sinnvoll sein, im einen Projekt mal innezuhalten. Und dann kann es sinnvoll sein und Spaß machen, an einem anderen Projekt weiterzuarbeiten.

Das ist nicht nur aus praktischen Gründen so oder um meine Zeit und Energie zu nutzen. Sondern auch, weil die verschiedenen Projekte einander positiv beeinflussen können. Das merke ich ganz oft. Ich komme bei Projekt A nicht weiter und arbeite stattdessen an Projekt B. Und entdecke dabei genau das, was mir für Projekt A gefehlt hat. Dann habe ich plötzlich das Puzzlesteinchen, das mir noch gefehlt hat. Und ich hätte es wohl nicht gefunden, wenn ich mich gezwungen hätte, an Projekt A weiter zu arbeiten. Mein Unterbewusstes hat mich auf den richtigen Weg geschickt - nämlich Projekt B.

Egal ob du es Magie oder Unterbewusstsein nennst: Es wirkt. Kreative Prozesse verstärken und inspirieren einander. Und wir sollten uns nicht von den hindernden Vorstellungen davon abhalten lassen, unserer Inspiration zu folgen. Darum habe ich für dich am Ende des Podcast ein paar kleine Übungen, die dir helfen, dich vom Ideen-Druck zu befreien. Du findest die Übungen ab Minute 14:00.

Im nächsten Teil dieser Serie geht es darum, warum das kreative Hirn überhaupt so viele Ideen produziert. Und das ist eben nicht, um sie alle auszuführen. Die Ideen haben andere, viel spannendere Aufgaben im kreativen Prozess.






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